NZZ – Expo Zaragoza 2008
Presseartikel
Unter dem See in Saragossa
5. Juni 2008, Neue Zürcher Zeitung
Unter dem See in Saragossa
Augenschein im Schweizer Pavillon vor Beginn der Wasser-Expo
Kühlung ohne Klimaanlage unter einem multifunktionalen Segel und Information an einer interaktiven Wasserwand über den richtigen Umgang mit der Ressource verspricht der Schweizer Pavillon an der «Expo 2008» den Besuchern. Zu trinken gibt es Schweizer Seewasser aus dem «Solidaritätsglas» und weniger Exotisches an der konventionellen Bar.pgp. Saragossa, Anfang Juni
Wie es sich für ein helvetisches Erzeugnis gehört, ist der Schweizer Pavillon an der Expo 2008 in der Hauptstadt der spanischen Region Aragón zwei Wochen vor der Eröffnung schon fast betriebsbereit, während auf dem übrigen Gelände vieles erst halbfertig aussieht. Doch spanische Improvisationskunst und Schichten rund um die Uhr werden es schon richten, dass König Juan Carlos und Königin Sofía am 13. Juni eine untadelig herausgeputzte Ausstellung einweihen können, die in Saragossa während dreier Monate bis Mitte September mindestens sechseinhalb Millionen Besucher erwartet.
Berner Oberländer Trio als Blickfang
Bei der Expo 2008 handelt es sich nach den Kriterien des Bureau International des Expositions (BIE) nicht um eine Weltausstellung, sondern um eine monothematische internationale Ausstellung auf beschränktem Gelände. In diesem Konzept entwerfen die teilnehmenden Länder ihre Pavillons nicht selbst, sondern gestalten den von den lokalen Organisatoren gebauten Raum. Sich mit architektonischen Einfällen in Szene zu setzen, ist nicht möglich; nur die Fassade kann als Blickfang dienen. Originelles zum Thema – in Saragossa lautet es «Wasser und nachhaltige Entwicklung» – muss im Innern geboten werden.
Beim äusseren Blickfang haben es sich die Schweizer Gestalter unter der Federführung von Präsenz Schweiz einfach gemacht. Die Fassade zeigt Eiger, Mönch und Jungfrau im Grossformat, abwechslungsweise im Sommer und im Winter. Man verwendet also ein Klischeebild des Landes mit hohem Erkennungswert, das zugleich für den Hauptsponsor des Pavillons, Interlaken Tourismus, wirbt. Auch im Innern ist auf potenziell Provozierendes (wie das vieldiskutierte «La Suisse n’existe pas» an der Weltausstellung Sevilla 1992) verzichtet worden. Man möchte – und das ist freilich gutschweizerisch –, dass sich unsere Gäste erholen und etwas lernen können.Vielzweck-Segel, interaktive Wasserwand
Dass man sich im Schweizer Pavillon erfrischen kann, wird sich im heissen Sommer von Saragossa rasch herumsprechen. Denn dieser kommt bestimmt, auch wenn ein kühler Mai Spanien Regen gebracht hat wie seit Jahrzehnten nicht mehr und der Hochwasser führende Ebro dieser Tage dem Ausstellungsgelände bedrohlich nahe rückt. Den zwei Stockwerke hohen Hauptraum des Pavillons nimmt ein von der Decke hängendes Segel ein. Beckenförmig und leicht geneigt, wird es von oben mit Wasser besprengt, das auf der grossen Fläche teilweise verdunstet und teilweise in einen Kreislauf abfliesst, der es wieder nach oben bringt. So wird die Luft im Raum energiesparend gekühlt, ein verspielt-elegantes Beispiel für nachhaltige Nutzung des Wassers, während in andern Pavillons die Klimaanlagen malochen.
Damit nicht genug: Das Segel ist multifunktional. Zweitens nämlich wird das Rieseln des Wassers in dem stillen dunklen Raum auch akustisch für Entspannung sorgen. Und drittens dient das Segel als dreidimensionale Projektionsfläche für einen Film, der den Betrachter in eine virtuelle Unterwasserwelt versetzt und ihn so das Wasser in seinen verschiedenen Zuständen erfahren lassen soll. «Unter dem See» lautet das Motto des Pavillons, und unter Wasser soll man sich hier fühlen, soweit das ohne reales Eintauchen möglich ist. Man geht auch auf den Schweizer Seen, die mit der Landesgrenze auf dem Boden markiert sind.
Lehrreiche Informationen gibt es daneben in einem kleineren Raum. Den Besuchern soll die Schweiz als Wasserschloss Europas nahegebracht werden, das 5 Prozent der Süsswasservorräte auf 0,4 Prozent der Fläche des Kontinents beherbergt: Würde das Volumen ihrer Seen gleichmässig auf ihre 41 285 Quadratkilometer verteilt, läge sie 6,35 Meter tief unter Wasser – eine gigantische Vorstellung für Trockenheit gewohnte Spanier. An einer interaktiven «Wasserwand», auf der durch transparente Röhren fliessendes Wasser die Flüsse darstellt, die in die drei grossen Grenzseen münden, kann man sich – sofern man eine altmodische Klosettspülkette zu bedienen weiss – darüber ins Bild setzen, welche Gefahren das ökologische Gleichgewicht bedrohen und wie die Schweiz es in den letzten fünfzig Jahren fertiggebracht hat, ihre von Landwirtschaft und Industrie verschmutzten Gewässer zu reinigen und sauber zu halten.Ein Glas Seewasser
Wer den Mut zur Probe aufs Exempel hat, kann zum Abschluss Wasser aus Bodensee, Lac Léman oder Lago Maggiore trinken, am besten in einem der «Solidaritätsgläser», deren Verkaufserlös zwei Projekten zur Förderung der Nachhaltigkeit zugutekommt. Ein breiteres Angebot an Getränken lockt daneben an der Pavillon-Bar. Tiefer Interessierten und Fachleuten hilft der Pavillon auch dabei, innovative Schweizer Projekte zu Wasserversorgung, Trinkwasseraufbereitung und Abwasserreinigung kennenzulernen. Schweizerische Firmen und Organisationen sind eingeladen, ihre Produkte und Vorhaben zum Thema Wasser zu präsentieren. Ferner bietet der Pavillon Platz für kulturelle und wissenschaftliche Veranstaltungen und Auftritte von Künstlern. Am 27. Juni, dem Schweizer Tag an der Expo, wird eine von Bundespräsident Couchepin angeführte Delegation der Ausstellung und der Stadt Saragossa einen Besuch abstatten, und im Amphitheater am Ebro-Ufer wird die Berner Tanz- und Theatergruppe «öff öff productions» ihr Spektakel «Tube Land» aufführen.
Am 1. August wird den Besuchern, darunter die Auslandschweizervereine in Spanien, auf der Expo-Esplanade helvetische Folklore geboten; als Spezialgäste sind die Miss Schweiz 2007, Amanda Ammann, und der diesjährige Mister Schweiz, Stephan Weiler, angekündigt. Auch die Gelegenheit, mit der Fussball-EM für unser Land zu werben, wird nicht ausgelassen: Vom 27. bis 29. Juni errichten Österreich und die Schweiz zusammen auf der Plaza de San Pedro Nolasco im Zentrum von Saragossa eine «Fussball-Botschaft» mit Grossleinwand zur Übertragung der Spiele sowie kulinarischen und anderen Spezialitäten.Drei Millionen aus der Bundeskasse
pgp. Für den Schweizer Auftritt an der Expo 2008 hat der Bundesrat im März 2006 drei Millionen Franken bewilligt, die den Budgets von Präsenz Schweiz und drei Departementen entnommen werden. Das Projekt «Unter dem See» zur Gestaltung des Schweizer Pavillons ging aus einem öffentlichen Wettbewerb mit einstimmigem Jury-Entscheid als Sieger hervor und wurde von der Firma Nüssli AG aus Hüttwilen und der IArt interactive AG aus Basel realisiert. Das Personal des Pavillons trägt Uniformen in blaugrünen Tönen, die von Paola De Michiel entworfen wurden.



